16 – Müll make`s the world go round…?

Freitag, der 30.9.2011
(von Röttger Maier)


Der heutige Tag soll uns wichtige Erkenntnisse über den heimischen Recycling- und Entsorgungsmarkt bringen. Was passiert mit dem gesammelten Müll? Wie und wo kann entsorgt werden? Was kann recycelt werden? Und ist damit womöglich Geld zu verdienen?

Ein kleines Mädchen, vielleicht 8 oder 10 Jahre alt, sprach uns am Vorabend gegen Mitternacht (!) an einer Bierbar an und bat in fließendem Englisch (!) um unsere leeren Bierdosen. Auf die Frage was Sie denn damit wolle, antwortete Sie wie selbstverständlich: verkaufen, für 100 Riel das Stück (4.000 Riel = ca. 1 US $). Also muss es einen richtigen Markt für Wertstoffe geben!

Um diesen zu ergründen starten wir um 7:00 Uhr nach Battambang. Da es für die 50 km Luftlinie keine direkte Straße gibt, nähern wir uns dem Ziel über 180 km in einem hakenförmigen Umweg.
Als erstes wurde das SAB (Soziales Abfallzentrum Battambang) der kambodschanischen NGO COMPED als „Tochterableger“ der TGK e.V. (Thüringisch Kambodschanische Gesellschaft e. V.) angesteuert.

Hier werden in einem Musterprojekt seit einigen Jahren mehrere Ziele miteinander vereint:
– Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Wastepicker
– Verbesserung der Lebensbedingungen und Ausbildung derer Kinder
– Optimierung der Müllverwertung durch Kompostierung
Dies wird erreicht indem den Wastepickern ein überdachter Arbeitsbereich mit betonierten Boden zur Verfügung gestellt wird so dass sie auf trockenen Grund und vor der Sonne geschützt ihrer unsäglichen Arbeit nachgehen können.


Um die Kinder möglichst von der Kippe fernzuhalten, wird für Sie im angrenzenden Sozialtrakt Unterricht sowie Spielmöglichkeiten für die jüngeren angeboten. Weiterhin gibt es Toiletten, Duschen und einen Kochraum in dem unter menschenwürdigen Bedingungen und unter Einhaltung hygienischer Mindestbedingungen gekocht werden kann.
Alles in allem ein kleiner Hoffnungsschimmer im Kampf gegen die himmelschreiende Armut und Chancenlosigkeit dieser Menschen und deren Kinder. Wer mehr über das Schicksal von Wastepickern erfahren möchte, dem sei folgende Lektüre empfohlen:
– www.wastepicker.org
– „Kinder des Monsun“ Kapitel: Reneboy im gelobten Land



Im SAB wird nun der Abfall aus zwei lokalen Märkten täglich angeliefert (ca. 15 t/Tag). Dieser besteht zu ca. 60% aus organischem Material und zu 40% aus Wertstoffen jeder Art (z.B. Plastik, Papier, Weißblech, Glasflaschen usw.) sowie unverwertbarem Restmüll.


Da es in Kambodscha bisher keinerlei Art von Mülltrennung gibt, müssen die verwertbaren Fraktionen von Hand aussortiert werden. Im wesentlichen verläuft der Arbeitsprozesswie folgt:


– Anlieferung der gemischten Marktabfälle am Sortierplatz
– Aussortieren der nicht kompostierbaren Fremdstoffe zum Recycling
– Lagern der organischen Materials in Mieten als Reihen von ca. 15x3x2 (lxbxh in m) für die Dauer von ca. 1 Monat
– Kompost aussieben
– Abfüllen des fertigen Komposts in Säcke
– Reste wieder in Rotten einlagern




Die letzten drei Schritte dieses Prozesses werden nun mehrmals wiederholt bis nach ca. 4 bis 6 Monaten das gesamte organische Material verrottet ist. Die genaue Rottezeit ist abhängig von der Zusammensetzung, Temperatur und Feuchte. Um diese Parameter optimal zu regeln wird die Temperatur im inneren des Komposthaufens gemessen (Optimum: zwischen 60°C und 70°C). Steigt die Temperatur zu sehr an, muss der Haufen umgeschichtet werden.
Aus den täglich angelieferten 15 t Material werden ca. 60% = 9 t organisches Material aussortiert. Daraus lässt sich ca. 1 t Kompost (pro Tag!) gewinnen mit einem Marktwert von ca. 15.000 Riel je 50 kg Sack.

Die 40% = 6 t aussortierten anorganischen Mülls werden von den Wastepickern nach verkaufbaren Wertstoffen durchsucht und getrennt. Dabei erhalten Sie im Verkauf (als einzige Einnahmequelle für den Lebensunterhalt) folgende Beträge:
– Plastiktüten 100 Riel/kg
– Papier 200 Riel/kg
– Pappe 600 Riel/kg
– Dosen 6.000 Riel/kg
– Flaschen 300 Riel/10 Stck.

Bemerkenswert hierbei ist das Plastiktüten in Unmengen im Müll enthalten sind, wegen des geringen Gewichts und Wertes jedoch nicht gesammelt werden. Dieser Kunststoffabfall stellt wahrscheinlich das größte Problem auf den Müllkippen dar, die zu gigantischer Größe anwachsen können.

Nach diesen Eindrücken führt uns unsere Fahrt zu einem Zwischenhändler von Plastikwertstoffen. Dieser kauft das grob vorsortierte Material der Wastepicker von Battambang zu den dort genannten Preisen an und verarbeitet es weiter. Dazu wird in einer luftigen Lagerhalle der Plastikabfall nach Material und Farbe noch einmal nachsortiert. Sortenrein wird er nun geschreddert, gewaschen, getrocknet und zu Ballen gepresst. So aufbereitet kann der Wertstoff für ca. 500 Riel je kg nach Vietnam verkauft werden, wobei Transportkosten von 600 US $ je 15 t einer LKW Ladung zu berücksichtigen sind.
Müll = money, make`s the world go round…




Diesen weiteren anstrengenden Tag mit vielen neuen Eindrücken, freundlichen, offenen und auskunftsbereiten Menschen, hohen Temperaturen und üppiger Luftfeuchte schlossen wir dann mit unserem üblichen Kurprogramm für Körper und Seele: Kneippen und Kneipen…

Einen hab` ich noch…
Der Ansatz des SAB zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Wastepicker ist aus humanitären, sozialen und hygienischen Gesichtspunkten genau richtig. Die Lebensrealität der Wastepicker sieht jedoch leider anders aus.Direkt neben dem SAB Platz betrieben von COMPED grenzt die öffentliche Deponie Battambang`s an. Hier wird in Müllfahrzeugen der gemischte Siedlungsabfall von Privathaushalten, Hotels, Märkten und Klinikabfall (!) angeliefert.



Solange es keinen „frischen“ Müll aus der Stadt gibt werden die Kompostplätze des SAB genutzt. Sobald ein Müll LKW mit gemischtem Siedlungsabfall aus Battambang eintrifft, stürzen sich die anwesenden Wastepicker geradezu auf den noch fahrenden LKW und klettern in (!) den Pressraum um als erste am begehrten Wertstoff zu sein. Nachdem dieser nach ca. 150 m Rückwärtsfahrt am Kippplatz angekommen ist, wird abgekippt und die menschenunwürdige Arbeit unter brütender Sonne ohne Wetterschutz, barfuß bis zu den Knien im Müll beginnt auf`s neue.


Money = Müll, make`s the world go round :-((
Röttger Maier

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